Fatigue - „Alles oder nichts?“

Wissenschaftliche Evidenz: diagnostische Abklärung des Symptoms „Müdigkeit“

Im September 2017 wurde eine S3-Leitlinie der Deutschen Gesellschaft für Allgemein- und Familienmedizin (DEGAM) zum Thema „Müdigkeit“ publiziert, die auf 77 Seiten mit 385 Referenzen diese komplexe Thematik sehr praxisnah darstellt. Dabei wird auf eine gute Balance zwischen Unter- und Überdiagnostik Wert gelegt. Die Abgrenzung einer physiologischen von einer pathologischen Genese ist fließend, das chronische Müdigkeitssyndrom (Chronic Fatigue Syndrome, CFS) wird als eigenes Krankheitsbild in einem separaten Kapitel abgehandelt.
Verschiedene qualitative Komponenten sind bei der diagnostischen Abklärung und dem therapeutischen Vorgehen zu berücksichtigen. Dazu zählen neben emotionalen Komponenten (Unlust, Motivationsmangel, enge Verbindung zu Traurigkeit bzw. niedergedrückter Stimmung) auch kognitive Komponenten (verminderte geistige Aktivität bzw. Leistungsfähigkeit) sowie Verhaltensaspekte („Leistungsknick“) und körperliche Aspekte (z.B. muskuläre Schwäche).

Epidemiologie: Circa ein Drittel der Erwachsenen leidet manchmal oder häufig unter „Ermüdungserscheinungen“. Frauen, Angehörige schlechter gestellter sozialer Schichten und alleinstehende Menschen sind häufiger davon betroffen. Die Prävalenz von Patienten mit ungeklärter, mindestens einen Monat anhaltender Müdigkeit liegt bei etwa 10%. Es gibt Überlappungen zwischen dem Symptom Müdigkeit und medizinisch unerklärbaren Symptomen (MUPS) in circa 40%.

Ursachen: Psychosoziale Gründe sind die Hauptursachen für eine neu auftretende Müdigkeit, demgegenüber treten somatische Erkrankungen der Häufigkeit nach in den Hintergrund: Anämie 1,4–4,6%, Malignome 0,3–0,7%, gravierende organische Störungen wie Diabetes, Schilddrüsenfehlfunktion und COPD 3,4–5,9%. Eine Tumordiagnostik nur aufgrund des Symptoms Müdigkeit ohne andere Hinweise erscheint nicht gerechtfertigt, auch wenn im fortgeschrittenen Stadium eines Malignoms Müdigkeit ein sehr belastendes Symptom darstellt. Auch zwischen einer Anämie und Müdigkeit gibt es auf Bevölkerungsebene überraschenderweise keine signifikante Beziehung. Virale Atemwegsinfekte stellen eine wichtige Ursache für Müdigkeitszustände dar. Circa 40% der Patienten mit einer Mononukleose (positive Serologie für aktuelle EBV-Infektion) klagen nach sechs Monaten über eine physische Müdigkeit.

Müdigkeit als Sekundärsymptomatik: Sehr belastend ist das Symptom bei bereits länger bestehenden und bekannten Erkrankungen, z.B. Herzinsuffizienz, multipler Sklerose, Parkinson’scher Krankheit, rheumatoider Arthritis, Sarkoidose, chronischer Niereninsuffizienz, postoperativen Zuständen oder Nykturie mit Tagesschläfrigkeit bei Prostatahyperplasie. Das Gefühl tiefer Erschöpfung kann auch Prodrom eines Myokardinfarkts sein. Auch beim Blutdruck fand sich in Studien interessanterweise kein Zusammenhang zur Müdigkeit. Diese kann ja auch Folge von verminderter körperlicher Aktivität mit konsekutiv kurzfristig erniedrigtem Blutdruck sein. Blutdruck-steigernde Medikamente werden auch immer seltener verschrieben, viele davon sind bereits auf der Negativliste. Natürlich kann auch jegliche Schlafstörung Tagesmüdigkeit verursachen (Prävalenz circa 20%), ein Schlafapnoe-Syndrom ist in etwa 4% vorhanden.

Seltenere Erkrankungen: Weitere, weniger häufig anzutreffende Erkrankungen, die ebenfalls mit dem Symptom Müdigkeit assoziiert sein können, sind in Tab. 2 aufgelistet. Diese Zusammenstellung sollte allerdings keinesfalls für ein somatisches Screening herangezogen werden! Vielmehr ist sie als Gedächtnisstütze zur Hilfestellung für einen diagnostischen Neuansatz zu verstehen, wenn bei einem Patienten bereits sämtliche anderen psychischen oder somatischen Ursachen ausgeschlossen worden sind.

Substanzassoziierte Müdigkeit: Auf Nebenwirkungen von Arzneimitteln muss in diesem Zusammenhang im Besonderen hingewiesen werden: Benzodiazepine, Antidepressiva, Neuroleptika, Antihistaminika, Antihypertensiva, Opiate, Parkinsonmittel, Zytostatika und antivirale Substanzen können allesamt Müdigkeit verursachen, ebenso sämtliche suchterzeugenden Substanzen, allen voran Alkohol. Eine große Anzahl von in der Umwelt vorkommenden Schadstoffen ist mit Ermüdungserscheinungen assoziiert; dazu zählen u.a. Amalgam, Kohlenmonoxid und Kohlenwasserstoff. Spezielle Ausformungen von Umweltbelastungen, die sich ebenfalls als Müdigkeit äußern, sind das „Sick building“-Syndrom (beeinflusst durch Persönlichkeitsfaktoren, Raumtemperatur und Raumluftzusammensetzung) und die „multiple chemical sensitivity“. Mit den Kriterien Schnarchen, beobachtete Erstickungsanfälle, Einschlafen beim Autofahren tagsüber ergibt sich die Indikation für eine weitere schlafmedizinische Diagnostik.

Chronisches Fatigue-Syndrom: Das chronische Müdigkeitssyndrom, teils auch als chronisches Erschöpfungs- oder Fatigue-Syndrom (CFS) bezeichnet, ist eine seltene Entität. Es ist bei Frauen sowie bei Personen mit niedrigem Ausbildungsstand und beruflichem Status häufiger. Für diese umstrittene Erkrankung existieren 67 unterschiedliche Bezeichnungen, von der irreführenden „myalgic encephalomyelitis“ bis zur „systemischen Belastungs-Intoleranz-Erkrankung“ (SEID). Sie wird definiert als Müdigkeit bzw. Erschöpfungsneigung in einem Zeitraum von mehr als 6 Monaten mit dadurch resultierender signifikanter Störung von körperlicher, seelischer und sozialer Funktion mit Belastungsintoleranz. Es fehlt stets eine alternative Erklärung. Gewisse kognitive Einschränkungen und eine orthostatische Intoleranz sind ebenfalls konstant vorhanden. Die Ursache dafür ist unklar, es existieren mehrere Hypothesen (u.a. virologische, myogene, immunologische, umweltmedizinische, psychische Faktoren; widergespiegelt in der medikamentösen Therapie, siehe exemplarisch Tab. 6). Therapeutisch muss auf eine integrierte psychosoziale und somatische Betreuung geachtet werden. Auf keinen Fall dürfen die Beschwerden als eingebildet o.ä. abgetan werden.

Auswahl zur Medikation eines Patienten mit chronischem Fatigue-Syndrom

  • Cerebryl (Piracetam 1200mg), 1x 1
  • Vitamin-C-Ester-Form 1000mg, 2x 1
  • Vitamin C (300mg) + Zink (5mg), Depot-Kapseln, 2x 1
  • Legalon (140mg), 2x 1
  • Coenzym 1/NADH 5mg, 1–2x 1
  • Wobenzym plus, bis 2x 4 bei Bedarf
  • Gelenk Aktiv plus (Glucosaminsulfat 750mg & Chondroitinsulfat 100mg), 2x 1
  • Hyaluronsäure/Kollagen-Kapseln, 2x 1
  • Monolaurin, 3–10g
  • Ginkgo biloba (z.B. Tebofortan), bis zu 6 Tabletten pro Tag
  • Vitamin D3 (5000IU) plus K2 (200mcg), 1x 3–5
  • Lactase-Tabletten (6000 FCC-Einheiten), bei Bedarf
  • Ubiquinol (100mg), 3x 1
  • Neurobion, 2x 1
  • UltraPure MSM (1000mg), bis zu 3x 2
  • S-Acetylglutathion (200mg), bis zu 3x 3
  • Pregabalin Krka (75mg), bis zu 3x 1
  • Pantoloc (40mg), 1x 1 bei Bedarf
  • Novalgin Tropfen, bis zu 3x 35 Tropfen bei Bedarf
  • Iberogast-Tropfen, Antiflat, Kohletabletten bei Magen-Darm-Beschwerden nach Bedarf
  • Doc Arnika Salbe
  • Doc Ibuprofen Schmerzgel
  • Mobilat Salbe
  • Traumeel Salbe
  • Rheumasalbe

 Tab. 5: „Hausapotheke“

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