Adipositaschirurgie spart Geld und verlängert Leben: Behandlungsmöglichkeiten und Wissenswertes für die Nachsorge

Komplikationen

Bei all den Vorteilen, die ein Gewichtsverlust, der erzielt wird durch bariatrischmetabolische Chirurgie, Patienten bietet, darf nicht vergessen werden, dass es auch eine Reihe an Komplikationen gibt, die entstehen können, bzw. dass man nach einer solchen Operation auf eine lebenslange Nachsorge angewiesen ist. Auch Supplemente sollten lebenslang zugeführt werden, um Spätfolgen hintanzuhalten. Im Allgemeinen treten postoperative Komplikationen weniger häufig bei Patienten auf, die sich einer regelmäßigen Nachsorge unterziehen. Die Art und Häufigkeit chirurgischer Komplikationen sowie Mangelerscheinungen sind abhängig von der OP-Methode.

Dumping-Syndrom
Eine häufig nach Magenbypass-Operation, aber auch nach Sleeve-Gastrektomie auftretende Komplikation ist das Dumping- Syndrom. In den meisten Fällen kommt es zwei bis drei Stunden nach Nahrungsaufnahme (insbesondere nach Aufnahme von einfachen Kohlenhydraten) zu einer Unterzuckerung, die von den Patienten mit den für Hypoglykämie typischen Symptomen (Schwitzen, Zittern, Nervosität, Heißhunger) wahrgenommen wird. Patienten, die am Dumping-Syndrom leiden, sollten daher eine ausführliche Ernährungsberatung erhalten und mehrmals täglich kleine Mahlzeiten, idealerweise mit komplexen Kohlenhydraten, zu sich nehmen. In den meisten Fällen lässt sich eine Hypoglykämie durch diese Methode vermeiden. Falls dies nicht ausreicht, kann versucht werden, Arcabose zu den Hauptmahlzeiten zu verabreichen und dadurch die Zuckeraufnahme zu reduzieren. Falls trotz der Therapie mit Acarbose nach wie vor nachgewiesenermaßen Hypoglykämien auftreten, sollte der Patient vom niedergelassenen Arzt an das betreuende Zentrum überwiesen werden. Ein Therapieversuch, zum Beispiel mit Octreotid, ist möglich, in schweren Einzelfällen wurden aber auch schon Magenbypässe rückoperiert, da man diese Komplikation nicht anders beheben konnte.

Risiken aufgrund von Nährstoffmängeln
Die Nährstoffmängel beziehen sich auf verminderte Makro- und Mikronährstoffe. Bei den Makronährstoffen steht vor allem der Eiweißmangel im Vordergrund. Um einen Proteinmangel zu verhindern, muss jeder Patient 60g Protein täglich zu sich nehmen. Auch für motivierte Patienten ist es aber schwierig, in der Phase des starken Gewichtsverlusts mehr als 40g Protein täglich zu sich zu nehmen, daher müssen die meisten Patienten Proteine in Form von Eiweißpulver zu sich nehmen. Im Falle des Eiweißmangels kann es ansonsten zum Verlust von Muskelmasse sowie in schweren Fällen zur Ausbildung von hypalbuminämischen Ödemen kommen.
Die Mängel an Mikronährstoffen beziehen sich auf wasserlösliche und fettlösliche Vitamine sowie essenzielle Mineral- und Spurenelemente. Zu den wasserlöslichen Vitaminen, bei denen es zu Mängeln nach bariatrischer Operation kommen kann, zählen Vitamin B1, Vitamin B2, Vitamin B12, Folsäure und Vitamin C. Studien haben gezeigt, dass bis zu 49% der Patienten nach bariatrischer Chirurgie einen Vitamin-B1-Mangel haben, einerseits aufgrund der Malabsorption, andererseits durch das häufigere Erbrechen. Aggraviert wird dieses Problem durch einen relativ kleinen körpereigenen Vitamin- B1-Speicher (für 18–20 Tage). Daher wird bereits 6 Monate nach einer bariatrischen Operation eine Vitamin-B1-Kontrolle empfohlen. Falls es trotz Substitution zu keinem Ausgleich kommt, sollte man eine bakterielle Überwucherung im Darm ausschließen.
Vitamin-B12-Mangel ist nach Eisenmangel die häufigste Ursache für eine Anämie nach bariatrischer Operation. Die Ursache ist multifaktoriell, ein Hauptgrund ist aber sicherlich die Malabsorption aufgrund des operationsbedingt fehlenden „intrinsic factor“. Aufgrund des großen Vitamin-B12-Speichers im Körper (bis zu 3 Jahre) ist das Auftreten von Vitamin- B12-Mangel (insbesondere nach Magenbypass-Operation) unterschiedlich. Daher sollte auch noch Jahre nach bariatrischen Operationen jährlich eine Vitamin- B12-Kontrolle durchgeführt werden. Bei Verdacht auf Vitamin-B12-Mangel sollten zusätzlich die sensitiveren Marker Homocystein oder Holotranscobalamin bestimmt werden. Vitamin B12 kann nur intravenös, sublingual oder intramuskulär substituiert werden.
Auch der Folsäuremangel ist sehr häufig, sowohl bei Patienten nach Magenbypass- Operation als auch bei Patienten nach Sleeve-Gastrektomie, da die Folsäurespeicher im menschlichen Körper sehr klein sind. Folsäure wird gut vom Dünnund Dickdarm absorbiert, sodass der Folsäuremangel eher durch Fehlernährung als durch Malabsorption bedingt ist. Daher ist der Folsäurespiegel ein guter Marker für die Therapieadhärenz der Patienten. Vor allem bei Frauen im gebärfähigen Alter ist ein Folsäuremangel aufgrund der Gefahr von fetalen Missbildungen (Neuralrohrdefekte) unbedingt zu vermeiden.
Bei den fettlöslichen Vitaminen kann es zu Vitamin-A-, Vitamin-D-, Vitamin-Eund Vitamin-K-Mangel nach bariatrischer Operation kommen. Vitamin A und Vitamin E sollten nach Standardempfehlungen substituiert werden. In einer retrospektiven Datenanalyse konnte bei 80% der Patienten nach Magenbypass ein Vitamin- D-Mangel nachgewiesen werden. Daher sollte ein Vitamin-D-Spiegel bereits präoperativ bestimmt und ein Mangel ausgeglichen werden, um einen postoperativen Mangel zu minimieren. Eine rezente Metaanalyse zeigt, dass ein 25-Hydroxy- Vitamin-D-Spiegel ≥60nmol/l optimal für Patienten nach bariatrischer Operation wäre.
Zu den wichtigen essenziellen Mineralstoffen zählen Eisen und Kalzium. Hauptursache des Eisenmangels ist die verminderte Absorption aufgrund der Trennung des Resorptionsorts vom Verdauungsbrei nach Magenbypass-Operation. Außerdem vertragen viele Patienten kein rotes Fleisch. Um die Resorption von Eisen zu erhöhen, sollten diese Patienten Eisentabletten nüchtern, gleichzeitig mit Vitamin C einnehmen, aber nicht mit Kalzium (da Kalzium den pH-Wert im Magen anhebt, wodurch wiederum die Eisenresorption verschlechtert wird).
Immer mehr Studien zeigen, dass Patienten nach Magenbypass-Operation ein erhöhtes Frakturrisiko haben. Allerdings dürfte nicht eine präoperative Fraktur prädiktiv für die Fraktur nach bariatrischer Operation sein, sondern, abgesehen von der bariatrischen Methode, das Übergewicht per se. Es müssen zusätzlich zum Vitamin-D-Spiegel auch der Kalziumspiegel sowie nach Magenbypass auch alkalische Phosphatase und 24h-Harnkalzium alle 6–12 Monate kontrolliert werden. Kalzium wird oral substituiert, beginnend mit 1,2g Kalzium täglich.
Zu den wichtigen Spurenelementen nach bariatrischer Operation zählen Zink, Kupfer und Selen. Alle drei sollten ausreichend in der Standardmultivitaminsubstitution der Patienten enthalten sein. Allerdings kann es zu ausgeprägtem Zinkmangel kommen, der eine zusätzliche Zinksubstitution erforderlich machen kann. Die häufigsten Symptome des Zinkmangels sind Haarausfall, Nagelveränderungen und Glossitis. Die notwendige Frequenz der Kontrollen und die Spezifizierung der zu untersuchenden Parameter können dem Leitfaden „Metabolische Chirurgie und die perioperative Betreuung“ auf www.adipositas-austria.org entnommen werden.

Psychische Komplikation
Bei allen oben genannten Punkten darf man aber auch nicht die Psyche außer Acht lassen. Durch eine bariatrische/metabolische Operation ändert sich sehr viel im Leben des Patienten. Der deutliche Gewichtsverlust ändert natürlich auch den Status in menschlichen Beziehungen. Durch die Gewichtsabnahme steigen die Attraktivität und oft auch das Selbstbewusstsein eines Patienten, sodass oft Beziehungsstrukturen aus dem Gleichgewicht gebracht werden. Daher ist es nicht verwunderlich, dass es nach bariatrischer Operation zu einem Anstieg der Zahl an Trennungen bzw. Scheidungen kommt, aber auch zu einem Anstieg der Häufigkeit des Beginns neuer Partnerschaften. Dies wurde sehr rezent durch eine Analyse der SOS-Kohorte gemeinsam mit dem Scandinavian Obesity Register gezeigt.6

Ein weiterer kritischer Punkt ist der Alkoholabusus, insbesondere nach Magenbypass- Operation. Auch hier konnte wieder die SOS-Kohorte untersucht werden, es zeigte sich ein 5-fach erhöhtes Risiko, nach Magenbypass alkoholabhängig zu werden.7 Aufgrund der Operationsmethode gelangt der Alkohol schneller in die Lebervene, dadurch ist man rascher alkoholisiert. Dieser Effekt dürfte verantwortlich für den Anstieg der Alkoholabhängigkeit nach bariatrischer Operation sein.

Pfad: